• Buchempfehlung

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    Wörter machen Götter

    Der symbolische Bund der Freimaurer
    und seine Feinde
    ,

    verlegt vom Salier-Verlag, vor.

    (ISBN: 978-3-943539-86-8, 1. Auflage 2018).

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Über den Tod

zum Gedenken an Matthias Große
(verstorben 2005)

“Kurz nur ist unser Leben
und groß der Bereich des Wissbaren.
Wann der Tod uns ereilen wird –
dieses zu wissen, ist uns nicht gegeben.
Wie der Schwan müssen wir daher sein,
der Milch von Wasser zu sondern versteht.”

                                            Jowo Atisha

Tod_MorteIn Indien – zur Zeit des Buddha Gautama – lebte eine junge Frau mit Namen Krisha Gotami. Als ihr einziges Kind gerade ein Jahr alt geworden war, wurde es krank – und starb.

Von Trauer überwältigt, den kleinen Körper fest umklammert haltend, irrte sie durch die Straßen ihrer Stadt und flehte jeden um eine Medizin an, die ihrem Kind das Leben hätte wiedergeben können. Einige Menschen ignorierten sie, andere lachten sie sogar aus. Und wieder andere hielten sie für verrückt. Schließlich traf sie auf einen alten Mann, der ihr sagte, der einzige Mensch auf Erden, der ein solches Wunder wohl vollbringen könnte, sei der Buddha.

Und so ging sie zum Buddha, legte ihm den toten Körper ihres Kindes zu Füßen, und erzählte ihm unter Tränen ihre Geschichte. Der Buddha hörte sie mit großem Mitgefühl an und sagte dann:

“Es gibt nur ein einziges Mittel gegen dein Leid. Geh hinunter in die Stadt und bringe mir ein Senfkorn aus einem Haus, in dem es noch niemals einen Todesfall gegeben hat.”

Krisha Gotami war erleichtert und machte sich sofort auf den Weg in die Stadt. Beim ersten Haus, das sie erreichte, klopfte sie an und sagte:

“Der Buddha hat mir aufgetragen, aus einem Haus, das den Tod noch nie gesehen hat, ein Senfkorn zu bringen.”

“In diesem Haus sind schon viele Menschen gestorben,” wurde ihr bedeutet. So ging sie zum nächsten Haus.

“In unserer Familie hat es bereits zahllose Todesfälle gegeben”, sagte man ihr. Und so war es auch im dritten Haus und im vierten. Bis sie in der ganzen Stadt gefragt hatte und schließlich erkannte, dass der Auftrag des Buddha nicht zu erfüllen war. Da brachte sie den Körper ihres Kindes zum Friedhof und nahm endlich Abschied.

Danach kehrte sie zum Buddha zurück.

“Hast du das Senfkorn mitgebracht?” fragte er sie.

“Nein”, antwortete sie, “aber ich fange an zu verstehen, was Du mich lehren wolltest.”

“Ja,” sagte der Buddha, “wenn du die Wahrheit von Leben und Tod verstehen willst, so musst du ohne Unterlass über folgendes nachdenken: nur ein Gesetz im Universum ändert sich niemals – nämlich, dass alle Dinge sich wandeln und nichts dauerhaft ist. – Nichts!”

Auch der Grieche Heraklit erkannte dieses Gesetz: Panta rhei. — Und am Ende – der Tod.

Aus den letzten Gesprächen des Sokrates erfahren wir, dass Philosophieren nichts anderes ist, als Sterben lernen. Und Solon meinte, dass kein Mensch glücklich zu preisen sei, bevor er nicht gestorben sei.

Epikur dagegen war der Ansicht, dass uns der Tod nichts angeht, da mit dem Tod alle Empfindungen aufhören.

“Was aber keine Empfindung hat, geht uns nichts an.” Damit entfällt auch die Angst vor dem Tod. Ergo: “Wer am wenigsten des Morgens bedarf, der geht am heitersten dem Morgen entgegen.”

Im Bardo-thödol, bei uns im westlichen Kulturkreis mehr bekannt als “Das tibetanische Totenbuch”, wird dieser Auffassung des Epikur eine völlig andere Sichtweise entgegengesetzt.

Dem Westen, für den gemeinhin mit dem Tod die menschliche Existenz endet, wird hier auf der Basis jahrtausendealter Überlieferung ein Text vorgelegt, der in präziser und detaillierter Weise Aufschluss über das Erleben nach dem Tod gibt.

Wer hat nun wohl recht? — Wir wissen es nicht! Es bleibt ein Geheimnis. Zumindest solange wir auf dieser Erde, in deren Gesetzlichkeit wir hineingeboren wurden, wandeln und die uns zugemessene Aufgabe erfüllen.

In den Gleichnissen Jesu hören wir vom reichen Bauern, der zu sich sagte: “Mein Freund, du hast nun alles was du willst. Du darfst vergnügt sein für Jahre. Iss und trink und mach dir ein schönes Leben!” Aber Gott sprach zu ihm:

“Du närrischer Mensch! In dieser Nacht noch wird deine Seele von dir abgefordert – dein Leben! Und alles ist hin, dem du nachgejagt bist. So geht es jedem, der für sich Schätze aufhäuft und darüber vergisst – so reich, so arm und so närrisch – dass er vor Gott doch nur ein Bettler ist.”

Wir alle sind dieser Bauer. Freimauer erinnern sich hier ihrer Erhebung in den Meistergrad. – Denk an den Tod! wird dort gemahnt. Wie oft haben wir das schon vergessen?

Uns wie oft haben wir schon vergessen, dass wir vor dem großen Geheimnis des Seins immer nur ein Lehrling bleiben werden. Beim Überschreiten der Schwelle zum ewigen Osten verlieren alle irdischen Werte ihre Bedeutung, wird der 33. Grad ebenso unbedeutend wie der erste.

Wir sprechen hier über den Tod. Aber kann man es überhaupt wagen, über den Tod zu sprechen?

Wird das, was ich über den Tod sage, standhalten, wenn ich dereinst – vielleicht schon morgen, niemand kennt den Zeitpunkt – selbst dem Tod ins Antlitz blicken muss? Wird mich dann Heulen und Zähneklappern schütteln?

Oder werde ich sagen können: “Lass‘ uns gehen, ich bin bereit!”? Habe ich mich wirklich zufriedenstellend bemüht?

Wird das, was ich über den Tod sage, standhalten, angesichts des Todes meiner Nächsten, geliebter Menschen, Eltern, Verwandte, Freunde, Brüder in der königlichen Kunst?

Wird das, was ich über den Tod sage, standhalten, angesichts des uns täglich allumgebenden Todes, den wir viel öfter als uns lieb ist und wir zugeben, selbst zu verantworten haben?

Können wir wirklich über den Tod sprechen, ohne ihm dabei selbst ins Antlitz sehen zu müssen? Ist das nicht viel zu einfach? — Ich weiß es nicht.

Zu allen Zeiten waren Menschen mit dem Tod konfrontiert. In alten Zeiten lebten sie mit ihm auf du und du und verstanden ihn als Teil ihrer Existenz: Geburt – Leben – Tod.

Durch den Tod schuf die Evolution Platz und Möglichkeiten für eine Fortentwicklung des Lebens zu höheren Formen. Ohne den Tod gäbe es uns gar nicht. Irgendwann und irgendwo wurde der Mensch vom tierähnlichen Wesen zum Menschen, der in der Lage war, komplexe Denkvorgänge zu leisten. Bei ihm setzte dann eine neue, eine völlig andere Auseinandersetzung mit dem Tod ein.

Die Antwort der Religionen auf die Frage nach dem Tod war dem Alltagsbewusstsein des einfachen Menschen wohl zu allen Zeiten fremd. Sie wurde um der Erträglichkeit willen mythologisch gefärbt. Doch unserer Zeit ist auch die Sprache des Mythos fremd geworden.

An wen sollen wir uns wenden? Hilflosigkeit plagt uns. Ist es vielleicht hoffnungslos? An wen können wir uns wenden?Vielleicht an die Freimaurerei? Um im Symbolerlebnis einen Teil von dem wiedererfahren zu dürfen, was uns durch die so genannte “Zivilisation” abhanden gekommen ist?

Nachdem der Mensch sich über das Tier erhoben und seinen (wenngleich recht bescheidenen) Denkapparat in Betrieb genommen hatte, gelangte er zu einer niederschmetternden Erkenntnis: Der Mensch ist das einzige Tier, das weiß, dass es sterben muss.

Allerdings liegt in dieser Erkenntnis auch eine nicht zu unterschätzende und einmalige Chance: Das reflektierte Wissen um den eigenen Tod ermöglicht dem Menschen einen ganz besonderen Weg der Selbstwahrnehmung und Reflektion. Und doch war wohl noch keine Gesellschaft vor der unseren gegenüber dem Tod rat- und hilfloser als die unsere.

Früher wurde im Kreis der Familie und der Freunde gestorben. Heute haben wir den Tod abgeschoben in Krankenhäuser und Pflegeheime. Aus dem Tod im Kreis der Lieben und der gewohnten Umgebung, die oft einen wesentlichen Teil des Menschenlebens repräsentierte, ist ein einsamer Tod geworden. Oftmals ein sehr einsamer. Manchmal grausam verlängert durch Medizin-Akrobaten, die ihre natur- und gottgesetzten Grenzen nicht wahrhaben wollen. “‘Halbgötter in Weiß’, auf der Suche nach dem Olymp”, fällt mir dazu ein… Oder Narren – und Leidensverlängerer. Feiglinge, welche die Macht eines höheren Wesens, die ihre Macht um ein millionenfaches übersteigt, nicht wahrhaben, nicht zugeben wollen. Oder Hilflosigkeit, wo die innere Stärke, sie einzugestehen, fehlt.

Ein einsamer Tod wird heute unakzeptierbar oft gestorben. Und ein menschenunwürdiges Sterben geht dem nur allzu oft voran.

Früher wurde der Verstorbene für eine Zeit in seiner gewohnten Umgebung aufgebahrt, so dass alle, die es wollten, in seiner “Lebenswelt” von ihm Abschied nehmen konnten. Und heute?

Heute wird er möglichst rasch “entsorgt”. Ein Toter passt nicht ins Bild. Selbst dort, wo wir heutzutage dem Tod eine Heimstatt geschaffen haben: in Pflegeheimen, Krankenhäusern, Hospiz. Schnell weg mit dem Verstorbenen, bevor ihn einer sieht. Hastig werden die Besucher mit fadenscheinigen Begründungen in die Zimmer geschickt, die Flure geräumt. Mit raschen Schritten wird das Bett den Flur entlang gekarrt, die Aufzugtüren schlagen. Und ab geht es in den Keller. Gott sei Dank hat keiner etwas bemerkt!

Im Keller wird der Verstorbene in den Kühlraum gebracht und mehr oder weniger sanft in ein freies Fach verfrachtet. —Klappe zu, erledigt.

Alles was dann noch an die Identität des Menschen erinnert, ist der Name auf der Schiefertafel am Kühlfach und ein Namensetikett am großen Zeh.

“Verdrängung” heißt heutzutage die üblichste Umgangsform mit dem Tod. Und am ratlosesten ist oftmals der Arzt. Ich weiß, wovon ich rede, ich bin Arzt!

Was aber, wenn es nichts mehr zu verdrängen gibt? Wie wird es sein in dem Augenblick, in dem mir klar wird, dass man nicht nur sterben muss, sondern, dass ich jetzt sterben muss? Es bleibt ein Geheimnis.

Jean Paul hat gesagt, dass im Augenblick der Geburt auf jeden Menschen ein Pfeil abgeschossen wird, der fliegt und fliegt, bis er ihn in der Todesminute erreicht. Wie wird es sein, wenn ich das Schwirren dieses Pfeils höre?

Noch einmal die Worte Sokrates’:

“Es ist denn also wirklich so, dass Männer, die im wahren Sinn des Wortes nach Erkenntnis streben, das Sterben üben.”

Haben wir uns nicht vorgenommen, nach Erkenntnis zu streben, meine Brüder? Dann lasst uns stets bemüht sein, das Sterben zu üben.

Wir wissen doch:

“Und solang Du das nicht hast,
dieses: stirb und werde!
Bist Du nur ein trüber Gast
auf der dunklen Erde.”

Wir sterben täglich tausend Tode und werden täglich tausendfach neu erschaffen. Während eines einzigen Atemzuges gehen Millionen von Zellen zugrunde und Millionen werden neu erschaffen. Unser Körper ist letztendlich eine Illusion.

Der Buddhist betrachtet den Körper als etwas Zweckmäßiges, wie z.B. einen Anzug, den wir anlegen, tragen und wenn er seinen Zweck erfüllt hat und abgetragen ist, wieder ablegen.

Die Erkenntnis der vergänglichen Natur des Körpers ermöglicht es, ihn zu der gegebenen Zeit ohne Angst und Sorgen zurückzulassen. In dieser Erkenntnis liegt die Möglichkeit, fähig zu werden, zu sterben, wenn wir sterben.

Aber: was ist das, “Sterben”?

Sogyal Rinpoche sagt:

“Denken wir uns den Tod als ein eigenartiges Grenzgebiet des Geistes, ein Niemandsland, in dem wir durch den Verlust unseres Körpers einerseits ungeheures emotionales Leid erfahren können, in dem sich aber andererseits die Möglichkeit grenzenloser Freiheit bietet, einer Freiheit, die gerade aus der Abwesenheit eben diese Körpers entspringt.”

Was bringt uns der Tod? Aus bekanntem Land treten wir ins Unbekannte. Ins Geheimnis.

Noch kein Mensch, der das Tor zum ewigen Osten durchschritten hat, ist zurückgekehrt und hat von dort berichtet. Darum lasst uns dem Leben in jeglicher Form, auch in der geringsten, ehrfurchtsvoll gegenübertreten. Lasst uns vertrauensvoll vom eigenen Leben Abschied nehmen.

Wir sind hineingesetzt in die Natur und ihre Gesetzlichkeiten, die wir nur soweit verstehen können, wie unser bescheidener Erkenntnisapparat es ermöglicht. Der Rest, der ganze große Rest, bleibt ein Geheimnis.

Doch: was verbirgt sich hinter diesem Geheimnis?
Erlösung oder ewige Verdammnis?
Himmel oder Hölle?
Nirwana oder Wiedergeburt?
Oder einfach nur: N i c h t s ?

Ungewissheit und Neugierde plagen uns bisweilen. Doch lasst uns geduldig bleiben, meine Brüder!

Wir werden alle sterben. – Und werden es dann alle erfahren.

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